Geburtsbericht

Dass eine Geburt schmerzhaft und mit anschließenden Glückshormonen verbunden ist, wird einem von fast jeder Mutter erzählt. Aber eine Geburt kann auch von seelischer Gewalt im Kreissaal und einer eher gleichgültigen Stimmung geprägt sein. Ich habe oft, wenn ich mich während der Schwangerschaft mit Müttern über die Geburt unterhalten wollte, gehört: „Erzähl es ihr lieber nicht. Am Ende hat sie Angst vor der Geburt.“ So gerne hätte ich die ein oder andere Geschichte hinter diesem Satz gewusst. Das hätte mir eventuell in meiner Situation geholfen. Und genau deshalb musste ich auch nicht lange überlegen, ob ich diesen Geburtsbericht verfasse. Ich möchte anderen werdenden Mamas die Möglichkeit geben sich vorzubereiten und denen, die mein Schicksal etwas nachempfinden können Mut machen ihre Geschichte zu verarbeiten.

Am 01.07.2019 fängt die Geschichte bereits an, auch wenn unser Sohn erst ein paar Tage später zur Welt kam. Es war mein letzter Termin beim Frauenarzt, bei dem meine Mama dabei war. Das CTG lief super, doch auf dem Ultraschall war plötzlich etwas zu sehen, das den Verlauf der nächsten Tage änderte. In der Fruchtblase war zu wenig Fruchtwasser und die Plazenta war schon sehr gealtert. Wir wurden in das Krankenhaus geschickt, bei dem ich mich zur Geburt angemeldet hatte. Auf ein Weg dort hin rief ich Philip an und erzählte ihm, dass ich zur Kontrolle in die Klinik muss. Klar ist er etwas aufgeregt gewesen. Er ist auf der Arbeit und bekommt eine solche Nachricht. Als die Hebamme, die meine Anmeldung mit mir erneut ausfüllen musste, weil meine Akte verloren gegangen war, sagte, dass das mit dem wenigen Fruchtwasser etwas ganz häufiges ist, sind wir schon etwas beruhigter gewesen. Ich sollte zur Beobachtung in der Klinik bleiben und am Nachmittag erneut zur Kontrolle untersucht werden. Wie sich bei dieser Kontrolluntersuchung dann herausstellte, sollte die Geburt am nächsten Tag eingeleitet werden. Philip hat sich einen Tag Urlaub genommen, um dabei sein zu können.

02.07.2019: Am Morgen, um genau zu sein um 9 Uhr, bekam ich die erste Tablette zur Einleitung der Geburt. Das CTG überwachte dabei, ob es bereits ein paar Wehen gibt. Ich spürte von den aufgezeichneten Wehen allerdings nichts. Am Nachmittag bekam ich dann zwei Tabletten und das CTG zeichnete erneut Wehen auf, die ich wieder nicht spürte. Die Hebammen und die Ärztin vermuteten deshalb, dass Sinas wohl am nächsten Tag gegen Mittag käme. Philip fuhr deshalb nach Hause. Um 0 Uhr wurde ich nochmals am CTG angeschlossen. Die Wehen hatten einen Abstand von 5 Minuten. Ich sollte allerdings nochmal auf mein Zimmer und etwas schlafen. Auf dem Weg zur Station, auf der sich mein Zimmer befand, spürte ich plötzlich die erste Wehe. Ich war alleine. Im Flur der Station begegnte ich einer Krankenschwester, die mir zeigte, dass ich mich an der Stange an der Wand festhalten kann, um die Wehen besser zu veratmen. Das war schon die dritte Wehe auf dem Weg zum Zimmer.

03.07.2019: Als ich im Zimmer ankam, lag meine Zimmerkameradin bereits im Bett. Ihr Sohn hatte die Gelbsucht und schlief deshalb unter einer speziellen Lampe im Babyzimmer. Sie hörte, wie ich die Wehen veratmete und wunderte sich mit mir, dass ich bei einem Wehenabstand von einer Minute noch auf meinem Zimmer warten sollte. An Schlaf ist dabei wirklich nicht zu denken. Als ich klingelte kam eine Krankenschwester herein, während ich eine Wehe veratmete. „Ich muss auch noch wo anders hin. Reden sie jetzt mal mit mir?!“, fragte sie mich sehr bestimmt. Ich versuchte zu antworten, doch die Wehe war zu stark. Als ich fertig war fragte ich sie, ob ich in den Kreißsaal gehen soll, da meine Abstände bei einer Minute waren. Darauf antwortete sie mit: „Ja hier können Sie ihr Kind nicht bekommen. Das müssen sie schon selber wissen. Ich bin für Frauen zuständig, die bereits Kinder haben und nicht für welche, die noch gebären müssen.“ Diese Antwort irritiert mich sehr. Ich ließ es jedoch so stehen und sie verließ das Zimmer. Zum Glück bot mir meine Zimmerkameradin an, mich in den Kreißsaal zu begleiten. Dafür bin ich ihr immernoch sehr dankbar, da ich auf dem Weg nun jemanden zum Festhalten hatte. Puh! Inzwischen war es 0:53 (Uhrzeit nachgetragen und von der Anrufliste abgeleitet) und ich rief Philip vor dem Kreißsaal an, dass er sich auf den Weg machen kann. Doch die Hebamme schickte mich zurück auf das Zimmer, als sie den Muttermund mit 1,5cm gemessen hatte. Auf der Station fragte ich nach, ob Philip mit auf das Zimmer kann. Das war die Idee meiner Zimmerkameradin. Ich tat ihr wohl sehr leid. Doch die Krankenschwester war ganz anderer Meinung. Er hat laut ihr hier nichts zu suchen und sollte wieder nach Hause. Ich rief Philip an. Sowohl er, als auch ich waren sauer und enttäuscht vom bisherigen Verlauf. Ich versuchte mich nur auf die Wehen zu konzentrieren. Auf Anraten von meiner Zimmerkameradin sind wir wieder zum Kreißsaal zurück gegangen, als wir ungefähr 1:15 hatten. Dort brachte mich die Hebamme in das Wehenzimmer. Die Geburtszimmer waren alle belegt. Es gab bereits vier Geburten und ich wäre wohl erst am Mittag dran. Das CTG zeichnete die Wehen wieder auf und ich hatte nun das Gefühl auf die Toilette zu müssen. Ich klingelte und die Hebamme musste mich beim Toilettengang begleiten. Philip sollte ich immernoch nicht anrufen. Er sollte schlafen, um am Mittag fit zu sein. Auf der Toilette kam allerdings nichts. Ich bat die Hebamme darum den Muttermund zu messen. Sie erklärt sich dazu bereit und war aber sichtlich davon überzeugt, dass ich nunmal eine „typische“ Erstgebärende sei, die unsicher ist und sozusagen einfach keine Ahnung hat. Beim Messen sah sie mich dann allerdings sehr verständnisvoll an und sagte mir, dass ich Philip anrufen sollte, damit er losfährt, da der Muttermund bei 9cm liegen würde. Endlich wurde ich ernst genommen. Da jedoch die anderen vier Geburten auch betreut werden mussten, verließ mich die Hebamme wieder. Ich war erneut alleine und atmete Wehe für Wehe ohne Begleitung weg. Ich begann zu beten. Jesus wird mir bestimmt helfen dachte ich… Und tatsächlich! Es half. Die Wehen waren erträglicher. Ich fühlte mich auch nicht mehr alleine, obwohl ich es eigentlich physisch gesehen noch war. Die Hilfshebamme betrat das Zimmer und setzt sich an mein Bett. „Wir bauen nun das Wehenzimmer um. Die Geburt wird hier stattfinden.“, sagte sie. Die Hilfshebamme hieß Anna. Sie beobachtete mich wohl bei meiner nächsten Wehe. Ich atmete und machte die Augen dabei zu. „Du machst das gut Marie!“, lobte sie mich, „Wenn du schreien möchtest darfst du das machen. Das tut manchen Frauen gut. Da hilft es Ha Ha Haaaaaa zu rufen.“ Ich nahm mir vor beim nächsten Mal ihren Tipp in die Tat umzusetzen. Und tatsächlich. Es half mir sehr. Philip kam in das Wehenzimmer. Ich war darüber sehr froh. Anna machte ihre Arbeit zwar wirklich gut, doch Philip gab mir einfach mit seiner puren Anwesenheit die Sicherheit, die ich brauchte. Wehe für Wehe wurde von mir schreiend begleitet und Philip gab mir dabei etwas zum Trinken und hielt mein eines Bein fest. Ich bin wohl zwischen den Wehen immer wieder eingeschlafen. Die Presswehen waren dann mein Lichtblick. Sie waren leichter für mich. Ich wollte auch nicht mehr schreien. Atmen fand ich dabei besser. Anna unterstützte mich in meiner Handlung. Die erste Hebamme, die ich an diesem Tag hatte, betrat das Zimmer. Sie wollte, dass ich im Vierfüßlerstand die Geburt beende. Ich fand das zwar keine gute Idee, wurde von ihr trotzdem dazu gedrängt. Es wäre angeblich besser für das Kind. Doch Sinas war zum Glück anderer Meinung. Meiner Meinung. Er schien sich zurück zu schieben und ich durfte mich wieder auf den Rücken legen. Die Hebamme ging und Anna sollte Handtücher holen und das Zimmer für die Geburt vorbereiten. Philip und ich waren alleine und wir veratmeten die Wehen. Anna kam zurück und sah den Kopf unseres Sohnes. Die Haare werden blond. Sinas wird ein blondes Baby. Wehe für Wehe rutschte er tiefer und bald war der Kopf fast draußen. Anna rief nach einer Hebamme. Doch zu diesem Zeitpunkt war Schichtwechsel und ich lernte dadurch eine neue Ärztin und eine neue Hebamme kennen. Unser Zimmer war voll und der Kopf unseres kleinen Wunders bereits draußen. Die Wehe stoppte. Anna redete mir gut zu und ich sah den Kopf. Tatsächlich. Blonde Haare. Bei der nächsten Wehe schob die Hebamme von oben mit. Das erleichterte mir die Arbeit und Sinas war draußen! Er wurde mir auf die Brust gelegt und musste kurz niesen. Ich dachte immer, dass alle Babys weinen nach der Geburt. Doch das scheint wohl ein Mythos zu sein. Ich habe mich sofort in Sinas verliebt. Mein kleiner Schmetterling ist ausgeflogen. Vom Bauch direkt in mein Herz. Doch es die Geburt war noch nicht vorbei. Die Nachgeburt fehlte. Ich schaute Sinas dabei an und lernte ihn kennen. Philip stand bei uns und war den Tränen nahe. Sinas suchte nach meiner Brust, fand sie und trank. In diesem Moment presste ich ein letztes mal und die Plazenta war draußen. Wir bekamen gratuliert und ich wurde genäht. Alle waren begeistert, dass Sinas bereits getrunken hatte. Anschließend wurde ich vin mein Bett, das in den Flur geschoben wurde, begleitet und in ein Geburtszimmer geschoben, um dort auf eine Ärztin zu warten. Es ist die nette Assistenzärztin gewesen, die mich von Anfang an begleitet hatte. Sie war sehr erstaunt darüber, dass Sinas so schnell war, da sie gehört hatte, dass er wohl erst am Mittag kommen sollte und sie bei der Geburt dabei sein würde. Naja immerhin durfte sie die erste Untersuchung machen.

Mir ist bewusst, dass eine der Hebammen und eine der Krankenschwestern mir gegenüber unfreundlich waren, weil es gegen Schichtende war und Personalmangel herrschte. Während unserer Geburt wurde sogar eine Belastungsanzeige geschrieben. Ich bin der Hebamme und auch der Krankenschwester nicht böse und möchte mich auch nicht über das Krankenhaus beschweren. Es ist schwierig einzuschätzen, wie weit eine Frau mit ihren Wehen ist. Mir wurde mitgeteilt, dass ich während der Wehen gelächelt habe. Das ist bei mir allerdings immer der Fall. Wenn ich mich verletze lächel ich oftmals. Das konnte aber keiner wissen und deshalb wurde vermutet, dass ich noch nicht so weit bin. Beim nächsten Mal weiß ich, dass ich das mitteilen muss. Nur ich alleine kenne meinen Körper und eine „schöne“ Geburt hängt einfach von der Kommunikation ab. Mein Appell an die Politik: ändert etwas! Hebammen sind wichtig für das Wohlbefinden einer Gebärenden.

Fazit

Ich möchte allen Mamas und auch Papas da draußen folgenden Rat geben: vertraut auf euer Gefühl und kämpft darum, dass ihr die Geburt zusammen erleben könnt, wenn ihr es möchtet. Beim zweiten Kind werde ich Philip von Anfang an dabei haben. Koste es, was es wolle. Ich lasse nie mehr zu, dass ich alleine gelassen werde. Außer es ist höhere Gewalt, wie zum Beispiel der Corona Virus 2020 (nachträglich hinzugefügt).

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